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Anleitungen

Solargraphie: ein halbes Jahr in einem Bild

Eine Dose, ein Blatt Fotopapier, ein Loch von 0,3 Millimetern. Monate später trägt das Papier die Bahnen der Sonne, und kein Entwickler hat es je berührt.

18. August 2026 · 7 min Lesezeit · Przemek Zajfert
Stark verwittertes Fotopapier einer acht Jahre langen Belichtung: braune und blaue Schlieren, Kratzer und helle Flecken, dazwischen die dunkle Spur des Motivs.
Münchner Freiheit, 2006 bis 2014, eine einzige Belichtung. Foto: Przemek Zajfert.

Solargraphie ist Fotografie ohne Verschluss und ohne Entwickler. Eine Lochkamera, meist eine Dose mit einem Blatt Schwarzweiß-Fotopapier darin, bleibt Wochen bis Monate an einem Ort befestigt. In dieser Zeit brennt die Sonne ihre täglichen Bahnen direkt in das Papier: das Bild muss nicht entwickelt werden, es ist beim Öffnen schon sichtbar und wird nur noch gescannt.

Was dabei entsteht, sieht aus wie kein anderes Foto. Über dem Haus, dem Baum, der Straße, die monatelang still vor dem Loch lagen, liegt ein Fächer aus hellen Linien: jede Linie ein Tag, jede Lücke eine Wolke. Ein halbes Jahr Wetter, lesbar auf einem einzigen Blatt.

Du brauchst dafür keine Ausrüstung, die diesen Namen verdient. Eine leere Dose, ein Stück dünnes Blech, eine Nadel, ein Blatt Fotopapier, Klebeband. Der Rest ist ein guter Platz und die Bereitschaft, ein halbes Jahr lang nicht nachzusehen.

Ein Bild, das niemand entwickelt

In der normalen Schwarzweiß-Fotografie ist das belichtete Bild unsichtbar. Die kurze Belichtung verändert das Silber im Papier nur so schwach, dass erst ein Entwickler die Veränderung millionenfach verstärkt und das Bild sichtbar macht. Warum dafür sogar ein Löffel Instantkaffee reicht, steht in Caffenol: der Entwickler aus Kaffee.

Die Solargraphie nimmt den anderen Weg. Wenn Licht nicht eine Sekunde, sondern tausend Stunden auf das Papier fällt, braucht die Veränderung keine Verstärkung mehr: das Silbersalz zerfällt direkt zu metallischem Silber, und das Papier färbt sich dort, wo Licht war, von selbst. Fotografen des 19. Jahrhunderts kannten diesen Effekt als Auskopieren. Die Sonne selbst, das hellste Objekt im Bild, brennt die deutlichste Spur.

Deshalb die merkwürdige Grundregel dieses Verfahrens: kein Entwickler, kein Fixierbad, keine Dunkelkammer. Jedes Chemiebad würde dieses fertige Bild nur zerstören. Das Papier kommt aus der Dose, wird gescannt, fertig.

Die Kamera: eine Dose, ein Loch, ein Blatt Papier

Eine Getränkedose aus Aluminium ist die klassische Form, eine Konservendose mit Deckel oder eine Filmdose funktionieren genauso. Die Dose muss lichtdicht sein und einen Innenraum haben, in dem das Papier gebogen an der Wand liegen kann.

So baust du sie:

  1. Schneide bei einer Getränkedose den Deckel ab. Bohre oder steche in die Mitte der Dosenwand ein Loch von etwa fünf Millimetern. Das ist noch nicht das Kameraloch, nur seine Fassung.
  2. Das eigentliche Loch kommt in ein separates Stück dünnes Metall, etwa ein Stück Alublech von einer zweiten Dose. Stich es mit einer feinen Nadel, nur mit der Spitze, und schleife die Rückseite mit feinem Schleifpapier glatt. Ziel sind 0,2 bis 0,35 Millimeter, ein rundes Loch ohne Grat. Klebe das Blech von innen über die Fassung.
  3. Lege bei gedämpftem Licht ein Blatt Schwarzweiß-Fotopapier gebogen in die Dose, die Schichtseite zum Loch, das Loch in der Mitte frei. Nicht knicken.
  4. Verschließe die Dose: Deckel drauf oder Folie darüber, dann jede Naht mit schwarzem Klebeband. Über das Loch kommt ein letzter Streifen Klebeband als Verschluss, den du erst am Zielort abziehst.

Ob das Loch 0,25 oder 0,3 Millimeter hat, entscheidet hier nicht über Erfolg und Misserfolg. Bei einer Belichtung von Monaten verzeiht das Verfahren fast jede Ungenauigkeit. Nur zu groß darf das Loch nicht sein, sonst wäscht das Streulicht die Bahnen aus.

Wohin damit

Die Dose braucht freien Blick auf den Lauf der Sonne. Auf der Nordhalbkugel heißt das: Ausrichtung nach Süden, oder zumindest nach Südosten oder Südwesten. Ein Stück Himmel muss im Bild sein, sonst gibt es keine Bahnen, und ein Stück Vordergrund sollte im Bild sein, sonst gibt es nur Bahnen.

Wichtiger als die Richtung ist die Befestigung. Die Dose darf sich in sechs Monaten keinen Millimeter bewegen, sonst verschmieren die Linien. Kabelbinder an einem Fallrohr, einem Zaunpfahl, einem Geländer haben sich bewährt, zwei Stück, fest angezogen, das Loch leicht nach oben geneigt. Balkon, Garten, Fensterbrett: alles gut, solange kein Dachvorsprung den Himmel verdeckt.

Zwei Dinge noch, bevor du gehst. Frag um Erlaubnis, wenn der Ort nicht deiner ist, denn eine verklebte Dose an einem fremden Zaun wird sonst irgendwann von jemandem entfernt, der nicht wusste, was sie ist. Und schreib dir Datum und Ort auf, am besten auch auf die Dose selbst: ein wetterfester Zettel mit einer Zeile Erklärung hat schon viele Kameras gerettet.

Von Sonnenwende zu Sonnenwende

Aufhängen kannst du jederzeit. Schon nach einer Woche stehen die ersten Bahnen im Papier, und ein Monat ergibt ein vollständiges Bild.

Der klassische Zeitraum aber ist das halbe Jahr zwischen den Sonnenwenden, vom 21. Juni zum 21. Dezember oder umgekehrt. Er hat einen einfachen Grund: Zwischen diesen beiden Tagen wandert die Mittagshöhe der Sonne einmal vollständig von ihrem tiefsten zu ihrem höchsten Punkt. Das Papier zeigt dann den ganzen Fächer, unten die flache Bahn der Wintersonnenwende, oben den hohen Bogen des Sommers, dazwischen ein halbes Jahr, Tag für Tag.

Nach oben ist die Grenze offen. Es gibt Solargraphien, die mehrere Jahre belichtet wurden. Wie weit sich Belichtungszeit überhaupt treiben lässt, zeigt eine Arbeit von Przemek: eine einzelne Belichtung an der Münchner Freiheit lief acht Jahre, von 2006 bis 2014.

Die Bahnen lesen

Eine fertige Solargraphie ist ein Wetterprotokoll, und du kannst sie lesen wie eines.

  • Jede Linie ist ein Tag. Die Sonne zieht einmal über das Bild, von links nach rechts ihrer Bahn folgend.
  • Die Höhe der Linie ist die Jahreszeit. Hohe Bögen sind Sommertage, flache Bahnen am unteren Rand sind Wintertage.
  • Lücken sind Wolken. Die Spur entsteht nur bei direkter Sonne. Eine durchgezogene Linie war ein klarer Tag, eine gestrichelte ein wechselhafter, und wo ein ganzer Bogen fehlt, war der Tag grau.
  • Der Vordergrund ist blass und still. Häuser, Bäume und Straßen bekommen in Monaten gerade genug Licht für ein schemenhaftes Bild. Alles, was sich bewegt hat, Menschen, Autos, Vögel, ist verschwunden. Nur was blieb, ist zu sehen.

Abnehmen, scannen, umkehren

Der Moment nach dem Abnehmen entscheidet über das Bild, und er verlangt vor allem Tempo.

Öffne die Dose bei möglichst schwachem Licht, nicht in der Sonne. Was du in der Hand hältst, ist ein Negativ in seltsamen Farben, braun, grau, manchmal blau und violett, auch auf Schwarzweiß-Papier. Das ist normal.

Scanne das Papier sofort, in einem Durchgang, mit hoher Auflösung. Auch das Scannerlicht belichtet es weiter, deshalb gibt es keinen Probelauf und keinen zweiten Versuch mit besseren Einstellungen: der erste Scan ist der Scan. Danach kommt das Papier in einen lichtdichten Umschlag. Es bleibt für immer empfindlich und dunkelt bei jedem Licht weiter nach. Ab jetzt ist die Datei das eigentliche Bild.

Am Rechner kehrst du das Negativ um, spiegelst es und ziehst den Kontrast an. Aus dem braunen Schleier wird dabei meist ein tiefes Blau, aus den Sonnenbahnen werden helle Linien. Mehr Bearbeitung braucht es nicht.

Woran Solargraphien scheitern

Es lohnt sich, die vier häufigsten Enden zu kennen, bevor du anfängst.

  • Wasser. Der häufigste Fall. Regen und Kondenswasser kriechen durch jede undichte Naht, das Papier wellt sich und schimmelt. Gutes Klebeband an jeder Kante hilft, ein kleines Loch an der tiefsten Stelle der Dose als Abfluss auch. Manche Wasserschäden sehen am Ende besser aus als geplant. Verlassen kann man sich darauf nicht.
  • Menschen. Dosen werden abgerissen, weggeworfen, gemeldet. Häng sie unauffällig, außerhalb der Griffhöhe, und mit dem erklärenden Zettel.
  • Licht. Ein undichter Falz belichtet das Papier großflächig, und Monate später ist nichts da als grauer Schleier. Im Zweifel eine Lage Klebeband mehr.
  • Bewegung. Eine Dose, die im Wind arbeitet, zeichnet zitternde, doppelte Bahnen. Zwei Kabelbinder statt einem.

Die beste Versicherung ist Menge: häng drei Dosen auf, und in einem halben Jahr ist fast sicher ein Bild dabei. Eine einzelne Dose ist eher ein Experiment.

Eine andere Art zu warten

Przemek fotografiert seit 1974, und seit 2014 arbeitet er mit Heliographie, dem direkten Zeichnen der Sonne auf lichtempfindliches Material. Die Solargraphie ist die zugänglichste Form dieser Faszination: langsames Licht, das sich selbst ins Bild schreibt, und ein Mensch, der aushalten muss, monatelang nicht nachzusehen.

Die Both In Time Kamera ist keine Solargraphie-Kamera. Ihre Belichtungen dauern vier Sekunden bis einige Stunden, nicht Monate, und ihr Warten ist von anderer Art: Zwei Menschen teilen sich ein Negativ, jeder belichtet eine Hälfte, und solange nicht beide fertig sind, sieht niemand irgendetwas. Bei der Solargraphie wartest du auf die Sonne; bei dieser Kamera wartest du auf einen Menschen. Das Material ist in beiden Fällen dasselbe: Licht, Papier und Zeit.

Häufige Fragen

Wie lange muss eine Solargraphie belichten?

Sichtbare Sonnenbahnen entstehen schon nach wenigen Tagen. Interessant wird es ab mehreren Wochen, weil sich die Bahnen dann fächerförmig stapeln. Der klassische Zeitraum ist ein halbes Jahr, von Sonnenwende zu Sonnenwende: er zeigt den vollen Abstand zwischen der tiefsten und der höchsten Bahn der Sonne.

Braucht man einen Entwickler?

Nein. Bei einer Belichtung über Wochen und Monate schwärzt das Licht das Silber im Papier direkt, das Bild ist beim Öffnen der Dose schon da. Entwickelt und fixiert wird nichts: das Papier wird einmal gescannt und danach dunkel aufbewahrt, denn im Licht dunkelt es weiter nach.

Welches Papier braucht man für eine Solargraphie?

Jedes Schwarzweiß-Fotopapier funktioniert, auch abgelaufenes, das seit Jahrzehnten in einem Keller liegt. Kunststoffbeschichtetes Papier, auf der Packung als RC bezeichnet, übersteht Feuchtigkeit besser als Barytpapier. Farbfotopapier ist ungeeignet. Zugeschnitten wird bei gedämpftem Licht, so schnell wie möglich.

Warum sind die Sonnenbahnen unterbrochen?

Jede Lücke ist eine Wolke. Die Spur entsteht nur, solange die Sonne direkt auf das Loch scheint. Schiebt sich eine Wolkenfront davor, reißt die Linie ab. Eine durchgezogene Bahn war ein klarer Tag, eine gestrichelte ein wechselhafter, ein fehlender Tag war grau.