Das Projekt hieß Unendlich. 2025 war es zu Ende.
2005 versteigerten zwei Künstler jede Woche zwei Löcher derselben Lochkamera. 2072 Löcher später ist Both In Time das, was daraus geworden ist.
5. August 2026 · 9 min Lesezeit · Przemek Zajfert
Auf diesem Bild sind zwei Orte gleichzeitig zu sehen.
Links steht eine Frau mit einem kleinen Kind an einem Fenster in Berlin, Prenzlauer Berg, Nachmittag. Rechts liegt ein Platz voller Grabkerzen, hunderte, dahinter an einer Wand ein Porträt. Das ist Warschau, gut fünfhundert Kilometer weiter östlich. In der Mitte gehen die beiden Hälften ineinander über, weil sie auf demselben Stück Film liegen.
Patrick Brinkschulte hat die eine Hälfte belichtet. Stanislaw Kulawiak die andere. Sie kannten sich nicht. Keiner von beiden hat gesehen, was der andere aufgenommen hatte, bis das Negativ entwickelt war. Es war Anfang April 2005, Johannes Paul II. war zwei Tage zuvor gestorben, und die beiden hatten bei eBay je ein Loch gekauft.
Loch Nummer 1 und Loch Nummer 2.
Ein Mann, der bis 5.607.249 kam
Um zu verstehen, warum es Löcher mit Nummern gab, muss man kurz nach Warschau, vierzig Jahre früher.
1965 fing der polnische Maler Roman Opałka an, Zahlen zu malen. Er begann bei 1. Er malte sie in weißer Farbe, in Reihen, auf Leinwände, die alle genau so groß waren wie die Tür seines Ateliers. Jede neue Leinwand setzte dort fort, wo die letzte aufgehört hatte. In den Grund mischte er jedes Mal ein Prozent mehr Weiß, damit die Zahlen irgendwann weiß auf Weiß stehen würden. Nach jeder Sitzung fotografierte er sein eigenes Gesicht, immer dieselbe Haltung, immer dasselbe Licht. Jede Zahl sprach er dabei laut auf Band, auf Polnisch.
Er nannte die Arbeit 1965/1-∞.
Sie konnte nur auf eine Weise enden, und so ist sie auch geendet. Roman Opałka starb am 6. August 2011. Die letzte Zahl, die er gemalt hat, ist 5.607.249. 231 Bilder, 46 Jahre, und das Ziel war nie erreichbar. Das war der Punkt.
Zwei Löcher statt einer Zahl
Im Februar 2005 haben Przemek Zajfert und Burkhard Walther dieser Arbeit ein Projekt gewidmet und dabei eine einzige Sache verändert.
Opałka hat allein gezählt. Die beiden zählten in Paaren. Jede Nummer brauchte eine zweite Nummer, und jede zweite Nummer brauchte einen zweiten Menschen. Sie bauten eine Camera obscura mit zwei Löchern nebeneinander, 73 Millimeter auseinander, und versteigerten jede Woche beide Löcher gleichzeitig bei eBay. Zwei Höchstbietende, irgendwo auf der Welt. Erst bekam der eine die Kamera, dann der andere.
Der Abstand von 73 Millimetern ist die ganze Idee. Er ist klein genug, dass sich die beiden Blickwinkel überschneiden. Die zwei Aufnahmen liegen also nicht ordentlich nebeneinander wie in einem Diptychon, sie greifen ineinander. Deshalb kann keiner der beiden sein Bild machen, ohne dem anderen die Hälfte davon zu überlassen.

Dieselbe Kamera von vorn, nach der Rückkehr ins Archiv. Links die Hälfte aus Berlin, rechts die aus Warschau, jedes Loch mit einem Streifen schwarzem Klebeband verschlossen, wie es die Gebrauchsanweisung verlangte. Am Rand steht mit der Hand das Datum: 4.04.2005.
Eine Pappschachtel, 80 Gramm, ein Dollar vierunddreißig
Die Kamera war kein Gerät. Sie war eine lichtdichte Pappschachtel, innen schwarz gestrichen, 147 mal 202 mal 37 Millimeter, achtzig Gramm, mit einem eingeklebten Stück Planfilm 13 mal 18 Zentimeter. Vorne zwei Markierungen und zwei gestempelte Nummern. Ein Loch gab es beim Versand noch nicht.
Das Loch stach man selbst. Die Nadel lag bei. Die Gebrauchsanweisung bestand aus vier Sätzen:
- Vorsichtig mit der Nadel das Loch stechen und die Öffnung sofort mit einem Finger zuhalten.
- Die Kamera positionieren und das Loch freigeben.
- Belichten.
- Das Loch wieder mit dem Finger abdecken und mit dem schwarzen Klebeband überkleben.
Dazwischen, in dem Wort „Belichtung", steckte alles, was das Projekt zu bieten hatte. Sonne: fünfzehn bis dreißig Sekunden. Sonne mit Wolken: dreißig Sekunden bis eine Minute. Bedeckt: zwei bis zehn Minuten. Innenraum: eine Stunde bis mehrere Stunden. Ein Loch von 0,35 Millimetern, ein Bildwinkel von 115 Grad, und ansonsten Geduld.

Kamera Nummer 873 und 874, beide Löcher gestochen, beide Bilder schon im Papier und noch unsichtbar. Foto: Przemek Zajfert.
Verkauft wurde das Ganze bei eBay, wöchentlich, unter dem Titel „Pinhole #889 Project Camera Obscura 2005/1-Inf, dedicated to Roman Opalka". Startpreis ein Dollar vierunddreißig, Versand frei, Standort Deutschland. Auf dem Screenshot, den Przemek von einer dieser Auktionen aufgehoben hat, stehen bei beiden Losen null Gebote.
Ein Kunstwerk für einen Dollar vierunddreißig, und niemand bietet mit. Das ist die ehrlichste Zahl in dieser ganzen Geschichte, und sie ändert nichts daran, dass am Ende über tausend Menschen mitgemacht haben.
Was zurückkam
Die belichteten Kameras gingen nach Stuttgart zurück, wurden entwickelt und blieben im Archiv. Was sich über die Jahre dort angesammelt hat, ist eine seltsame Weltkarte aus Zufallspaaren.

Pinhole #75 und #76: Keith Fyfe in Sydney und Steven Schmiedeskamp in Lincoln, Nebraska. Zwei Kontinente, ein Horizont.
Nummer 75 und 76 gingen nach Sydney und nach Lincoln, Nebraska, sechzehntausend Kilometer auseinander. Beide haben nach draußen fotografiert, in flaches Land, gegen eine tiefstehende Sonne. Die Hälften passen so gut zusammen, dass man das Bild für eine einzige Landschaft halten könnte. Niemand hat das abgesprochen. Es gab keine Möglichkeit, das abzusprechen.

Pinhole #99 und #100: Armando Moneta in Mailand und Corinne Costantini in Plérin. Ihr Bildtitel steht im Archiv: „Elle. Le fruit qu'on fit dans le jardin du monde."
Nummer 99 und 100 sind das Gegenteil. Links ein Wintertor in Mailand, kahle Äste, ein Gittermast. Rechts, an der bretonischen Küste, ein Körper im Licht. Ein Mann fotografiert eine verschlossene Stadt und bekommt dafür ohne sein Zutun einen Menschen ins selbe Bild. Das ist keine Fotografie mehr, die jemandem gehört.
Zwei Menschen, die sich nie begegnet sind, haben zusammen ein Bild gemacht und konnten es nicht verhindern.
2072
Auf der Archivseite steht ganz oben das letzte Paar: Pinhole #2071 und #2072.
Zweitausendzweiundsiebzig Löcher. Etwas über tausend Kameras, tausend Paare, zwanzig Jahre lang jede Woche zwei Auktionen, zwei Adressen, zwei Umschläge, ein Negativ entwickelt, ein Eintrag ins Archiv. 2025 wurde das Projekt abgeschlossen.
Ein Projekt mit dem Unendlichkeitszeichen im Namen hat ein Ende bekommen. Man kann das ein Scheitern nennen. Ich glaube, es ist das Gegenteil, und Opałka hat die Antwort schon 1965 gegeben: 1-∞ ist keine Zahl, die man erreicht. Es ist eine Richtung, in die man zeigt.
Der Unterschied zwischen den beiden Enden ist trotzdem wichtig. Opałkas Arbeit endete, weil ein einzelner Mensch aufhören musste. Sie war an seine Hand gebunden, und mit ihr ist sie zu Ende gegangen. Das andere Projekt endete, weil zwanzig Jahre wöchentliche Auktionen, Umschläge und Dunkelkammer irgendwann genug sind. Aber es war nie an eine Hand gebunden. Zweitausend Löcher wurden von fremden Fingern gestochen.
Etwas, das auf Unendlichkeit angelegt ist, muss weitergegeben werden können. Sonst hört es mit einem Menschen auf.
Was Both In Time davon übernimmt
Angefangen hat das alles nicht 2005, sondern 1999. Damals baute Przemek die erste Camera obscura mit zwei Löchern, eines für Stuttgart, eines für Berlin, weil zwei Künstler für ein gemeinsames Bild zu weit auseinander waren. Aus dieser Notlösung wurde sechs Jahre später ein weltweites Projekt und zwanzig Jahre später eine Kamera, die man verschenken kann.
Was gleich geblieben ist:
Zwei Löcher, nebeneinander, nah genug, dass sich die Bilder überschneiden. Ein Negativ. Zwei Menschen. Das Loch wird von Hand gestochen, mit einer Nadel, die beiliegt, und nach dem Belichten wieder zugeklebt. Und der Teil, den keine Technik ersetzen kann: Solange nicht beide fertig sind, sieht niemand irgendetwas.
Was sich geändert hat, und zwar bewusst:
Du suchst die zweite Person aus. 2005 hat das eBay entschieden. Ein Algorithmus und ein Höchstgebot haben zwei Fremde zusammengespannt. Das war der Reiz, und es war auch die Grenze: Man konnte das Bild nicht jemandem widmen. Bei Both In Time entscheidest du, wer die zweite Hälfte belichtet. Dein Bruder. Deine Tochter in achtzehn Jahren. Oder doch ein Fremder, wenn du das schöner findest.
Ihr bestimmt die Wartezeit. Damals lag zwischen den beiden Belichtungen ungefähr eine Woche, weil der nächste Auktionszyklus wartete. Bei Both In Time ist das Warten kein Nebeneffekt, sondern das eigentliche Material. Manche geben die Kamera nach drei Wochen weiter. Manche kleben den Siegel-Sticker drauf, schreiben ein Datum darüber und öffnen sie zum achtzehnten Geburtstag.
Das Bild bleibt bei euch. Die Kameras von 2005 kamen ins Archiv, und dort sind sie bis heute. Richtig so, es war ein Werk. Eure Kamera geht nirgendwohin. Sie gehört den beiden Menschen, die sie belichtet haben.
Ihr entwickelt selbst. Damals wurde in Stuttgart entwickelt, von jemandem, der das seit Jahrzehnten kann. Heute liegt der Zettel für Caffenol bei: Instantkaffee, Vitamin C, Natron, alles zusammen unter fünf Euro, fünf Minuten in deiner Küche unter rotem Licht. Der Moment, in dem das Bild aus dem Papier steigt, gehört nicht mehr dem Künstler. Er gehört dir.
Es ist Fotopapier statt Film. 10 mal 15 Zentimeter, ein Loch von 0,3 Millimetern, gestochen mit einer Akupunkturnadel. Von vier Sekunden bis zu mehreren Stunden, je nach Licht. Der Rest ist derselbe.
Die Zählung fängt wieder bei 1 an
Jede Both In Time Kamera wird in Stuttgart von Hand gebaut und trägt ihre eigene Nummer, gestempelt, fortlaufend ab 0001.
Nicht ab 2073. Wir zählen nicht weiter, wo das alte Projekt aufgehört hat, denn das war ein abgeschlossenes Werk und gehört zwei Künstlern und tausend Fremden. Die neue Zählung fängt wieder bei eins an, so wie Opałka bei eins angefangen hat und wie 2005 bei eins angefangen hat.
Das ist alles, was Unendlichkeit in der Praxis bedeutet: dass jemand nach dir wieder bei eins anfängt.
Der Mann, der zwanzig Jahre lang Pappschachteln an Fremde geschickt hat, baut jetzt eine Kamera, die du jemandem in die Hand drücken kannst. Zwei Löcher, ein Negativ, und diesmal suchst du dir aus, wer die andere Hälfte macht.
Von eins bis unendlich. Und dann weiter, bei jemand anderem.